Kraftwerk Niere – ihre Schwächen und ihre Erkrankungen

Kraftwerk Niere – ihre Schwächen und ihre Erkrankungen – Ein Gastbeitrag von Univ. Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, Leiter der Nephrologischen Abteilung, Klinikum Graz

Was macht die Niere?

Abbildung 1

Abbildung 1

Die Niere befindet sich in der Höhe zwischen 12. Brust- und 3. Lendenwirbel, ist ein paariges Organ von 10 – 12 cm Länge und 5 – 6,5 cm Breite und wiegt ca. 120 – 200 g. Das Organ ist bohnenförmig und hat eine braun-rote Farbe (siehe Abbildung 1). Durch die Nieren fließen täglich 1.700 l Blut, das sind 520 Hektoliter im Monat. In beiden Nieren befinden sich je 600.000 bis 1.200.000 Glomeruli. Glomeruli sind winzige Filterstationen, die die harnpflichtigen Giftstoffe aus dem Blut herausfiltern.

Was sind die Aufgaben der Niere?

Die Niere haben im menschlichen Organismus viele verschiedene Aufgaben. Neben der Entgiftung und Regulation des Flüssigkeits- und Salzhaushaltes ist sie für die Regulation des Blutdrucks und der Produktion von Hormonen zuständig. Eine Einschränkung der Nierenfunktion beeinträchtigt daher den gesamten Organismus. Die Folgen sind unter anderem: Bluthochdruck, Blutarmut, Störung des Knochenstoffwechsels sowie Herz- und Gefäßerkrankungen.

Nierenerkrankungen:

Bei den Nierenerkrankungen unterscheidet man primäre und sekundäre Formen. Primäre Nierenerkrankungen können immunologisch-entzündliche sein (Glomerulonephritis), Infektionen (Nierenbeckenentzündung, Pyelonephritis) oder angeborene Erkrankungen, wie zum Beispiel Zystennieren. Sekundäre Nierenerkrankungen sind solche, die durch systemische Erkrankungen verursacht sind, wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Autoimmunerkrankungen. Ca. 90% der Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion wissen nichts von ihrem Problem. Die Diagnose im Anfangsstadium ist oft ein Zufallsbefund (hoher Blutdruck oder Eiweiß im Harn). Nierenerkrankungen werden in der Wohlstandsgesellschaft immer häufiger (zu viel Essen, zu wenig Bewegung). Besonders bei den 65- bis 75-jährigen steigt die Zahl der Nierenkranken. Insgesamt liegt die Zunahme der Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen bei 6% pro Jahr.

Was schadet der Niere besonders?

Abbildung 2

Abbildung 2

Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen, bestimmte Medikamente wie Schmerzmittel, Diabetes, Arteriosklerose, Entzündungen und Infektionen, sowie Drogen und Umweltgifte (siehe Abbildung 2).

Wie viele Dialysepatienten haben eine primäre Nierenerkrankung, wie viele eine sekundäre?

Wie in Abbildung 3 dargestellt so haben ca. ¼ der Patienten einen Diabetes mellitus Typ II als Grunderkrankung (Altersdiabetes), ein weiteres ¼ muss als Folge der arteriellen Hypertonie dialysiert werden. Der Anteil von Schrumpfnieren (SM) lässt aber davon ausgehen, dass wahrscheinlich die Dunkelziffer des Blutdruckhochdrucks bzw. auch der Autoimmuner-krankungen höher ist als angenommen.

Was ist ein Nephrologe?

Abbildung 3

Abbildung 3

Die Nephrologie ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, und „nephros“ heißt auf Altgriechisch „Nieren“. Das Fach ist als zuständig für die Früherkrankungen, Diagnostik, Therapie und Nachsorge und Betreuung von Patienten mit Nieren- und Hochdruckkrankheiten definiert. Der Nephrologe ist zuständig für die Durchführung von Nierenersatzverfahren (Dialyse), sowie für die Vorsorge und Nachsorge zur Nierentransplantation. Studien aus den USA haben gezeigt, dass es, wenn es zu einem Rückgang der Nierenfunktion auf unter 60% kommt, eine nephrologische Kontrolle zu einer deutlichen Verbesserung des Überlebens der Patienten kommt. Wichtig sind hier regelmäßige Kontrollen, da das Überleben dieser Patienten umso besser war, je öfter sie eine nephrologische Kontrolle hatten (bis zu 4x/Jahr).

Konzept 60/20

Die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie hat vor drei Jahren versucht, die Nierenerkrankung im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Deswegen wurde ein Dossier und das Konzept 60/20 erstellt, mit dem die gesundheitspolitisch Verantwortlichen in den letzten Jahren konfrontiert wurden. Bisher sind dem Nephrologen Patienten bei einer Nierenfunktion von 10 – 15% vorgestellt worden, das Ziel ist, dass wir unsere Patienten deutlich früher diagnostizieren (Funktionseinschränkung unter 60%), um die entsprechenden Maßnahmen setzen zu können, um eine weitere Progression der Nierenfunktion hintanhalten zu können ( siehe Abbildung 4). Wichtig ist an dieser Stelle auch zu erwähnen, dass auch bei einer Nierenfunktionseinschränkung von 20% und weniger, ein strukturierter vorbereiteter Prozess zusammen mit dem Patienten und seinen Angehörigen durchgeführt werden muss, damit er die optimale Form der Nierenersatztherapie bekommen kann.

Wird dieses Problem in der Zukunft häufiger werden?

Auf Grund der Bevölkerungsentwicklung, von der wir wissen, dass im Jahr 2030 mehr als ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre sein wird, werden auch die Folgen von Diabetes und Bluthochdruck zu einer höheren Anzahl von Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion führen. Die Häufigkeit unter der Bevölkerung liegt derzeit bei 10 – 12% mit der Tendenz steigend. Und wir wissen auch, dass vor allem bei älteren Patienten dies einen wesentlich höheren Prozentsatz aufweist. Bei den über 70-jährigen ist bei 40% der Menschen eine eingeschränkte Nierenfunktion zu diagnostizieren. Wir wissen, dass eine eingeschränkte Nierenfunktion auch mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einhergeht (auf Grund der Grunderkrankung), und dass es sehr wichtig wäre, Menschen zu identifizieren, die eine Nierenfunktionseinschränkung haben, und bei denen die Nierenfunktion im Jahr mehr als 10% abnimmt.

Abbildung 4

Abbildung 4

Welche Patienten haben ein besonders erhöhtes Risiko?

Vor allem solche Patienten, bei denen eine Eiweißausscheidung im Harn festgestellt werden kann (auch wenn diese nur gering ist), weil es das erste Zeichen einer Schädigung an der Niere sein kann.

In der Steiermark werden gerade Anstrengungen unternommen, um die Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine Nierenerkrankung bzw. Herzkreislauferkrankung rechtzeitig zu erkennen. In Zusammenarbeit mit der Gebietskrankenkasse, dem Gesundheitsfonds und der Politik wurde im Rahmen der neuen Gesundheitsreform das Projekt „60/20“ ins Leben gerufen und in der Steiermark umgesetzt. Dies wird in der sogenannten Landeszielsteuerungskommission des Landes Steiermark koordiniert. Wichtig ist an dieser Stelle auch festzuhalten, dass die Bemühungen der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie dahin gegangen sind auch eine bessere Aufklärung durchzuführen. Dafür wurde ein eigener umfangreicher Aufklärungsbogen durch die ÖGN entwickelt. Es ist ganz wichtig, dass betroffene Menschen wissen, welche Form der Nierenersatztherapie sie durchführen können, die von Blutwäsche (Hämodialyse), Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) bis zur Nierentransplantation reichen. Allerdings ist die Mehrzahl der Patienten, die dialysiert wird, für eine Nierentransplantation nicht mehr geeignet. In Österreich sind derzeit ca. 20% der Patienten, die dialysiert werden, auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. In Graz ist die 1.000 Nierentransplantation im Jahr 2009 erfolgt, rezente Zahlen haben wieder eine Zunahme der Transplantationszahlen (vor allem durch die Lebendspende bewirkt) gezeigt. Wo im Jahr 2011 nur 43 Patienten transplantiert wurden, konnten im Jahr 2013 63 und im Jahr 2014 65 Patienten transplantiert werden. Das waren die höchsten Werte bisher in Graz. Dies konnte vor allem durch die Intensivierung des Lebendspendeprogramms unter der Leitung von Frau Professor Zitta erreicht werden. Weiters haben wir daran gearbeitet, auch die immunologische Versorgung zu verbessern, mehr Patienten auf die Liste zu bringen, welches durch die sogenannte Task force Transplantation an unserer Abteilung koordiniert wird (Prof. Sabine Horn, OA Astrid Mauric, OA Renate Zach, OA Beate  Gross). Auch wenn es immer wieder heißt, dass die Nierentransplantation die beste Form der Nierenersatztherapie wäre, so ist doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Situation so, dass ein besseres Überleben durch die Dialyse gewährleistet wird. Hier ist es uns wichtig, dass Patienten wissen, dass es auch Heimverfahren gibt und dass sie aber genauso gut in einer Dialysestation aufgehoben sind. Am Klinikum wurde Herr Dozent Krisper damit beauftragt, eine optimale Qualität für unsere Dialysepatienten zu sichern. Im Bereich Peritonealdialyse, wo wir mittlerweile die größte Ambulanz in Österreich haben (ca. 80 Patienten) und damit das größte Peritonealdialysezentrum sind, werden die Betreuung der Patienten durch OA Werner Ribitsch und Professor Johannes Roob koordiniert.

Abschließend noch ein paar Tipps:

Was können Sie tun, wenn Sie noch kein Nierenpatient sind, um möglichst lange nierenfit zu sein?

Es gibt die sogenannten „8 goldenen Regeln“ zur Nierengesundheit.
1.)    Fit und aktiv bleiben:
Man weiß aus Untersuchungen, dass Sport 30 Minuten pro Tag, den Blutdruck um 4 – 9 mm Quecksilber senkt
2.)    Optimale Kontrolle des Blutzuckers:
Diabetes ist eines der wesentlichen Risikofaktoren für das Fortschreiten der Nierenerkrankung.
3.)    Blutdruckkontrolle:
Der Blutdruck ist gemeinsam mit dem Diabetes der häufigste Risikofaktor für die Entwicklung einer chronischen Niereninsuffizienz. Das Blutdruckziel beträgt unter 140/90 mmHg.
4.)    Gesunde Ernährung und Körpergewicht unter Kontrolle halten:
Wir wissen, dass Fettleibigkeit als Auslöser für Hypertonie und Diabetes ebenso ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung einer Nierenfunktionseinschränkung darstellt.
5.)    Aufrechterhaltung einer gesunden Flüssigkeitszufuhr (1,5 – 2 l/Tag)
6.)    Nichtrauchen
7.)    Vermeidung von regelmäßiger Einnahme von Schmerzpräparaten
8.)    Überprüfung der Nierenfunktion, wenn mindestens einer der Hochrisikofaktoren vorhanden ist: Diabetes/Zuckerkrankheit, Hypertonie/Bluthochdruck, Adipositas/Übergewicht, Nierenerkran-kungen in der Familie oder selbst.

Rückfragehinweise: alexander.rosenkranz@medunigraz.at

Link: Nephrologische Abteilung Klinikum Graz

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